Klarführen. Für Führungskräfte, die nach außen funktionieren und wissen, dass das nicht reicht.

Eine Rückmeldung im Teammeeting. Etwas knapp formuliert, vielleicht ein bisschen direkt.
Die eine Person denkt: Das war jetzt nötig, weiter geht's. Die andere denkt: Was war das denn gerade?
Beide waren im selben Raum. Beide haben dieselben Worte gehört. Und trotzdem sind es zwei völlig unterschiedliche Gespräche.
Ich erlebe das oft in Unternehmen: Zwei Menschen reden über dasselbe Ereignis und reden eigentlich aneinander vorbei. Jeder reagiert auf etwas, das im eigenen Kopf entstanden ist.
Eine Bemerkung wird gehört. Und sofort beginnt eine Interpretation: Was hat die Person damit gemeint? War das ein Vorwurf? Eine Kritik? Respektlos?
Diese Interpretation passiert so schnell, dass sie sich nicht wie eine Interpretation anfühlt. Sie fühlt sich an wie das, was gesagt wurde.
Ein Geschäftsführer erzählte mir von einem Konflikt zwischen zwei Abteilungsleitern. Wochenlang lief die Zusammenarbeit zäh. E-Mails wurden förmlicher. Meetings kürzer. Beide hatten das Gefühl, der andere würde sie nicht respektieren.
Irgendwann kam es zu einem direkten Gespräch. Es stellte sich heraus: Eine einzige E-Mail, Wochen zuvor, war der Auslöser gewesen. Eine knappe Antwort, ohne Gruß, ohne weitere Worte.
Der eine hatte das als persönliche Abwertung gelesen. Der andere hatte einfach nur wenig Zeit gehabt und sich nichts dabei gedacht.
Beide hatten seitdem auf eine Geschichte reagiert, die nur einer von ihnen erzählt hatte.
Nach dem Gespräch erzählte mir einer der beiden: "Ich hab Wochen damit verbracht, mich gegen etwas zu verteidigen, das nie gesagt wurde."
Der andere: "Ich hab überhaupt nicht verstanden, warum er plötzlich so kühl war. Bis mir klar wurde: Er hat auf etwas reagiert, weil er meine E-Mail völlig anders gedeutet hat."
Was immer hilft: kurz innehalten, bevor man auf die eigene Interpretation reagiert.
War das wirklich so gemeint? Oder hab ich mir das gerade selbst erzählt?
Diese kleine Lücke öffnet die Möglichkeit für einen neutralen Blick. Oder eine kurze Klärung, bevor die Geschichte im Kopf ein Eigenleben bekommt.
Kommunikation und Konflikte hängen enger mit diesen eigenen Geschichten zusammen, als die meisten Führungskräfte annehmen. Selten ist der konkrete Inhalt eines Gesprächs das eigentliche Problem.
Wie wäre die Situation ohne die Geschichte, die sich jede Seite anschließend darüber erzählt?

Sechzehn Jahre Fernsehjournalist. Seit über zehn Jahren Coach für Führungskräfte, Teams und Menschen in Übergängen.
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